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Kongress Konfirmandenarbeit

Die Dokumentation des Kongresses finden Sie hier: Kongress Homepage

Jugendliche mit und ohne Behinderung

Dr. Wolfhard Schweiker ist Dozent am PTZ. Er ist der Frage nachgegangen wie ein
Konfirmationsgottesdienst auch Jugendlichen mit einer schweren Behinderung
gerecht werden kann und wie sich Brücken im Gottesdienst zu Gleichaltrigen
und anderen Gemeindegliedern bauen lassen. Zusammen mit Ute Schneider hat er
einen Konfirmationsgottesdienst konzipiert und gehalten, der alle Sinne
anspricht und der eine Brücke sein will.

Kontakt: Tel. 07473/273877, WSchweiker@aol.com

Mit dabei – Konfirmation trotz Behinderung

„Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung werden oft in Tagesschulen an anderen Orten unterrichtet oder leben in diakonischen Einrichtungen. Umso bedeutsamer ist es für sie, dass ihre Kirchengemeinde sie wahrnimmt und sie einlädt, am Gemeindeleben teilzunehmen.”
Rahmenordnung für die Konfirmandenarbeit der Ev. Landeskirche in Württemberg 2000, 12

Nicht dabei
So weit ist es bei den sechs Konfirmanden aus der Körperbehindertenschule (KBS), darunter eine Konfirmandin, nicht gekommen. Sie erlebten ihre Konfirmandenzeit an der Sonderschule in Mössingen. In der nahe gelegenen Martin-Luther-Kirche feierten sie im Juni 2001 Konfirmation, in bis zu 40 km Entfernung von ihrer Heimatgemeinde.

Diese Distanz zu überwinden, ist nicht gelungen. Die gemeinsame Konfirmandenarbeit von Jugendlichen mit und ohne Behinderung bleibt bis jetzt die Ausnahme, ganz im Gegensatz zu unserem christlichen Anspruch.

„Eine Behinderung ist kein Grund dafür, Menschen von Taufe, Abendmahl oder Konfirmation auszuschließen. Gottes Liebe und Zuwendung sind weder an individuelle Fähigkeiten noch an physische Voraussetzungen gebunden.”
Rahmenordnung für die Konfirmandenarbeit der Ev. Landeskirche in Württemberg 2000, 12

Mit dabei – aber wie?
Umstritten ist nicht die Frage, ob Menschen mit einer Behinderung ins Gemeindeleben einzubeziehen sind, sondern wie. Die Kluft zwischen dem geschriebenen Anspruch und der gelebten Wirklichkeit bringt unsere Versäumnisse und unsere Unbeholfenheiten ans Licht; je schwerer die Form der Behinderung, desto mehr. Wie kann es uns in der örtlichen Konfirmandenarbeit gelingen, diese Kluft zu überbrücken, damit auch Jugendliche mit schweren Handicaps ganz selbstverständlich mit dabei sein können?

Fundament
Zum Bau dieser Brücke sollten alle Beteiligten nach dem Prinzip der Freiwilligkeit gewonnen werden: Konfirmanden, ihre Eltern, Pfarrer/Pfarrerin, wenn möglich ein Mitarbeiterteam, der Kirchengemeinderat, nicht zuletzt der/die Jugendliche mit Behinderung und seine Angehörigen. Das Bauprojekt sollte ohne „Zwangsarbeiter” auskommen. Die enge Zusammenarbeit der Freiwilligen bildet das Fundament des Vorhabens. Eine Schlüsselfunktion nehmen dabei die Eltern der schwerstbehinderten Jugendlichen ein. Sie sind die Experten und können am ehesten vermitteln, was ihr Kind liebt, braucht, erschreckt oder beglückt.

Pfeiler
Auf dem Fundament einer regen Verständigung kann mit dem Errichten von Pfeilern begonnen werden, die aus folgenden Baustoffen bestehen können: Wissen, Verstehen und Spüren. Alle Beteiligten sollten also

Wissen, dass eine Konfirmation trotz schwerster Handicaps möglich ist.

Verstehen, warum Konfírmation auch unter solchen Voraussetzungen Sinn macht. Und am wichtigsten:

Spüren, dass diese Menschen und ihre Angehörigen dazugehören und in der Gemeinde willkommen sind.

Dieser Brückenbau ist keine einfache Aufgabe. Aber eine, die an immer mehr Orten gelingt und die gesamte Konfirmandenarbeit bereichert. Welches Werkzeug zur Hand genommen werden kann, um die Unbeholfenheit zu überwinden, möchte ich an zwei Beispielen aufzeigen.

Brücke „Nadine”
Nadine besuchte durchgehend den Konfirmandenunterricht an ihrer Körperbehindertenschule und phasenweise zugleich in ihrer Heimatgemeinde, wo sie konfirmiert wurde. Die 15-jährige ist ohne Augenlicht, im Rollstuhl, selbstzufrieden und spricht eine Sprache ohne Worte, gelegentlichen auch in Schreiphasen. Im Spätherbst nahm sie mit ihrer Mutter zweimal am Konfirmandenunterricht ihrer Heimatgemeinde in Reutlingen teil. Ihre Mutter verdolmetschte den KonfirmandInnen Nadines Körpersprache und erzählte aus ihrem gemeinsamen Leben. Es folgte ein Besuch der Konfirmandengruppe in Nadines Schule mit einer anschließenden Reflexion und Vertiefung im Konfirmandenunterricht. Während des Gemeindepraktikums lernten drei Reutlinger Konfirmanden Nadine näher kennen. Unter anderem unterstützten sie Nadine und ihre Mutter beim Zahnarztbesuch und gingen anschließend in der Innenstadt mit Nadine alleine bummel und Eis essen. „Die Erfahrungen mit Nadine bleiben auf jeden Fall”, meinte die Ortspfarrerin „auch wenn sie aus der Konfirmandenzeit sonst nicht viel mitnehmen.” Bevor Nadine mit Gleichaltrigen aus ihrer Gemeinde konfirmiert wurde, besuchte sie mit ihrer Mutter mehrmals dort den Gottesdienst. Dies waren Nadines kleine Schritte auf dem Weg, ein ganz normales Kirchenmitglied zu werden.

Brücke „Gottesdienst”
Wie kann ein Konfirmationsgottesdienst auch Jugendlichen mit einer schweren Behinderung gerecht werden? Wie lassen sich Brücken bauen, die gleichaltrige und sonstige Gemeindeglieder mit diesen Jugendlichen verbinden? Im eingangs erwähnten Gottesdienst gingen wir von den Bedürfnissen und Möglichkeiten dieser Jugendlichen aus. Darum musste es eine Feier werden, die alle Sinne anzusprechen vermag, nicht nur den Verstand: Also ein Evangelium zum schmecken, riechen, sehen und anfassen. Damit der Segen und das Abendmahl ein größeres Gewicht, ohne die Bedeutung von Katechismus, Taufe und Bekenntnis auszublenden.

Verpflichtung – etwa so?
Die agendarische Verpflichtungsformel im Konfirmationsgottesdienst macht für Jugendliche nur einen Sinn, wenn sie diese verstehen und auf sie antworten können. Um Jugendliche mit einer schweren geistigen Behinderung nicht auszugrenzen, wurde ein Subjektwechsel vollzogen. Statt des Konfirmanden bekräftigen nun Eltern, Paten und Gemeindeglieder die volle Gültigkeit seiner Taufe und Zugehörigkeit, eben auch mit der Konsequenz, Integration zu ermöglichen. Die Gottesdienstbesucher sollten sich, wenn möglich, schon im Voraus mit dieser Verpflichtung auseinander setzten können (Presse, Elternabend, Kirchengemeinderat). Dieser Subjektwechsel macht menschlich und theologisch einen Sinn, weil Konfirmation in reformatorischer Tradition nicht als Ergänzung zur Taufe vollzogen wird, sondern das bestätigt und erinnert, was jedem in der Taufe geschenkt wurde.

Vorschlag für eine Selbstverpflichtung:
Nun frage ich auch sie als Gemeinde, stellvertretend für die Konfirmanden, die ihr Ja nicht selber sprechen können: Wollt ihr bestätigen, dass Gott N.N. in der Taufe eine königliche Würde und die Gotteskindschaft geschenkt hat und wollt ihr ihnen/ ihm/ ihr in der Kirche Jesu Christi einen weiten Raum schaffen, dann sprecht: Ja, Gott helfe uns!

Sinnlicher Segen
Während des Liedes „Gott, dein Guter Segen ist wie ein großes Zelt” (LfJ 382) nahmen Eltern und Paten die Konfirmanden schützend unter eine Plane. Nach der Einsegnung wurden die Denksprüche von ihnen erlebbar gemacht. Sebastian unter einem Schirm (Ps 91,1f), Manuel im Spotlight (Ps 21,7), Larissa durch einen Türrahmen ein und ausgehend, hier einen Longdrink, dort ein Häppchen zu sich nehmend (Joh 10,9). Und mit einer individuell gedichteten Strophe wurde von der Gemeinde dann beispielsweise bekräftigt: „Gott, dein guter Segen ist wie ein Rathaustor, lässt dich ein, macht dir Platz, bringt dich ganz weit vor.”

Tipps
Konfirmationsgottesdienst und Abendmahl vorab einüben, um angemessen begleiten zu können
ein Gemeindegeschenk zum Anfassen (Kreuz, Becher, Kerze etc.)
wer (von den Mitkonfirmanden) begleitet, unterstützt, schiebt den/die Konfirmanden, mit Behinderung?
offen und flexibel bleiben; die Gemeinde in Unkonventionelles einstimmen (Manuel hätte z.B. ohne seinen Hund den Gottesdienst nach zehn Minuten wieder verlassen).

Brücke zur Seele
Segen rituell zu vollziehen, tut auch Angehörigen gut. Um so mehr, wenn sie in großer Sorge um die Zukunft, Akzeptanz und Wertschätzung ihrer Jugendlichen sind. Im Gottesdienst zu spüren, dass sie willkommen sind, tröstet und fördert zugleich den erschwerten Ablösungsprozess von einem Kind, das eben ganz anders ist.

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