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Kongress Konfirmandenarbeit

Die Dokumentation des Kongresses finden Sie hier: Kongress Homepage

von Ralph Lang, Pfarrer z. A. im Landesjugendpfarramt

Christus spricht: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ (Joh 14,19b)

I) Material/Anknüpfungsmöglichkeit

a) „Leben“ in Werbeslogans

Teekanne – und das Leben schmeckt schön
Kraft zum Leben gibt Tai Ginseng
Werte fürs Leben (Union Investment)
Medizin deines Lebens (Aspirin)
Douglas macht das Leben schöner
Willkommen im Leben (Eurocard)
Hamburg Mannheimer – damit sie mehr vom Leben haben
Leben sie. Wir kümmern uns um die Details (HypoVereinsbank)
Wohnst du noch oder lebst du schon? (Ikea)
Das Leben ist schön, schön mit Jade
Da kommt Leben an den Tisch (Miracoli)
Natreen macht das süße Leben leichter
Was die Haut zum Leben braucht (Nivea)
Prima leben und sparen (Plus)
Living at its best (Rolf Benz)
easy living (RWE)

Auf der Internetseite www.slogans.de, die mehr als 25.000 deutschsprachige Werbesprüche auflistet, finden sich über 900 Slogans mit dem Stichwort „Leben“.


„Leben“ ist als Begriff sehr attraktiv für Werbetexter, da der Begriff scheinbar unzerstörbar positiv besetzt ist und gleichzeitig mit vielen unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden kann. Ein Begriff kann aber erst dann so vielfältig gefüllt werden, wenn sein Sinn an sich schon weitgehend ausgehöhlt ist. In diesem Zusammenhang schleicht sich ein Verdacht ein. Wenn der Begriff „Leben“ weitgehend sinnentleert wurde, ist dann auch das damit Bezeichnete, zumindest im Kontext der Konsumgesellschaft, hohl geworden? Wenn im Zusammenhang mit „Leben“ für fast alles geworben wird, was sagt dann der Begriff überhaupt noch aus? Gelingt es der Jahreslosung 2008, präziser zu sagen, was sie mit „Leben“ meint, oder bleibt sie auf der grundsätzlich positiven, aber hohlen Ebene eines Slogans? Was erwarten Konfis vom Leben, das vor ihnen liegt? Haben sie eigene Visionen und Utopien oder folgen sie der Werbung (mein Auto, mein Haus, meine Frau, meine Altersvorsorge)? Der Konfirmandenunterricht und die Konfirmation haben ihnen eine Sprache für ihre Visionen und Utopien zu bieten, die über ihr Leben als Konsumenten hinaus geht.

b) Zwei Songs zum Thema „Leben“

„Dein Leben“ von Die Söhne Mannheims (auf der CD „Noiz“)
„Kümmer’ dich um dein Leben
und dann kümmer’ dich um uns!
Die Schäden können wir beheben,
das ist nicht die Kunst.
Wir müssen was bewegen,
sonst bewegt sich nichts.
Es geht nicht nur um dein Leben,
sondern ob es ein Leben ist…“

„Alle Dasselbe“ von Fahrin Urlaub (auf der CD „Am Ende der Sonne“)
„Der Gedanke traf mich wie ein Blitz
Das ganze Leben ist nur ein Witz
und alles, was wir so anstelln, um anders zu sein
als die anderen, ist nichts als Schein…
Wir wollen alle mehr oder weniger dasselbe seit es Menschen gibt:
Einen Platz an der Sonne, genug zu essen, ein Bett -
und jemanden, der uns liebt…
Es gibt so viel, was wir begehren
weil wir so gerne was Besonderes wären:…
Und Breitband und Breitwand und Hi-Fi und Highclass
Von allem das Beste und immer nur Vollgas
Nen mattschwarzen Wagen, schön tief und schön breit
Und die Nachbarn solln bitte schön platzen vor Neid.“

Sowohl Werbung als auch Musik sind tägliche Begleiter für Konfis. Um an das Thema Leben der Jahreslosung 2008 anzuknüpfen, bieten sich beide sehr gut an. Beide können auch als „Aufhänger“ benutzt werden, um sich im Vorfeld der Konfirmationspredigt gemeinsam mit den Konfis das Thema „Leben“ im Zusammenhang der Jahreslosung und der Konfirmation zu erarbeiten. Zitate aus den beiden Liedern und den Werbeslogans passen zu zahlreichen Gedanken der folgenden Predigtbesinnung.

II) Predigtideen zur Jahreslosung

Der Traum vom richtigen Leben
„Wann beginnt endlich das richtige Leben? Das richtige Leben beginnt, wenn ich selbst entscheiden kann, wie lange ich abends fortbleibe; wenn ich den Führerschein habe und mir mein eigenes Auto kaufen kann; wenn ich mir ein Pferd leisten kann und hinreisen wo und mit wem ich will; das richtige Leben beginnt, wenn die Eltern zusammen bleiben und sich nicht mehr streiten; wenn ich keine Angst vor Klassenarbeiten und Prüfungen mehr haben werde; wenn ich die Liebe meines Lebens gefunden habe; wenn all das, was mich jetzt noch einschränkt, wegfällt…“.
Im Zusammenhang der Glaubenshoffnung auf ein Ewiges Leben und ein besseres Jenseits wurde dem Christentum oft der Vorwurf der Vertröstung gemacht. Vertröstung ist aber auch ein verbreitetes säkulares Alltagsphänomen der Lebensbewältigung. Konfis erfahren dies in der Frage „Wann beginnt endlich das richtige Leben?“ und in Sätzen wie: „Mach erst einmal die Schule fertig, dann sehen wir weiter…“; „So lange du noch deine Beine unter meinen Tisch streckst…“; „Das kannst Du machen, wenn Du Dein eigenes Geld verdienst…“. Die Jahreslosung vertröstet nicht und will darüber hinaus die lebenshindernden Gründe der Alltagsvertröstungen überwinden („Wir haben gerade eine schwierige Zeit miteinander, weil Papa Stress im Büro hat.“ „Ich kann mit Dir nicht mehr Zeit verbringen, ich bin so müde, wenn ich von der Arbeit heim komme.“ „Wir können Oma nicht pflegen, wir haben keinen Platz in der Wohnung.“). Die Jahreslosung ist das Gegenteil von Vertröstung. Die Jahreslosung deckt Vertröstung als Lebensaufschub auf:

Es gibt die Lebenserfahrung eines flachen, schalen, eingezwängten Lebens, die sich in der Erwachsenen-Frage zusammenfassen lässt: „Soll das alles gewesen sein?“ Für Konfirmanden/innen stellt sich diese Frage anders, denn sie erwarten die Erfüllung ihrer Lebenshoffnungen in den kommenden Jahren. Diese positive Lebensperspektive ist sehr wertvoll und sollte nicht durch eine desillusionierte Erwachsenensicht zerredet werden („Du stellst Dir das einfach vor!“/„Das Diesseits ist schlecht, richtige Erfüllung gibt es erst durch das Ewige Leben“). Der Konfirmationsgottesdienst kann anhand der Jahreslosung 2008 die positive Aufbruchsstimmung aufnehmen („Kümmer dich um dein Leben… wir müssen was bewegen“) und durch die Vision eines Erfüllung einlösenden Ewigen Lebens verstärken: Ängste und Zwänge sollen nicht lebensbestimmend sein. Christlicher Glaube soll nicht einengen, sondern zum Leben befreien. Diese Botschaft kann weniger durch Worte als durch Vorbilder und Erfahrungen vermittelt werden. Hier könnte ein Hinweis z. B. auf Konfi-Mentoren stehen, die als Erwachsene für Konfis biographische Orientierungspunkte außerhalb von Familie und Schule bieten können.

Der Glaube an ein Leben in einer guten Welt
Das Weltbild von Konfirmanden/innen ist nicht das einer ungebrochen heilen Welt. Auch über den privaten Erfahrungshorizont hinaus sind ihre Welterfahrungen zwiespältig. Leid und Ungerechtigkeit werden nicht nur im Privaten, sondern auch im globalen Horizont wahrgenommen. Das Wahrnehmen der Abgründe und der Schattenseiten der Welt setzt aber gleichzeitig starke Hoffnung frei. Konfirmanden/innen glauben in der Regel an die Möglichkeit einer guten Welt. Die Rede vom Ewigen Leben muss sich daher vor billigen Gegenüberstellungen hüten. Das (diesseitige) Leben darf nicht in einer resignativen Gegenwartssicht gegen das Ewige Leben ausgespielt werden, als wäre dieses nur fahl und schal und jenes erhielte seinen Glanz nur vor dem Negativ. Die Rede vom Ewigen Leben als dem höchsten Heilsgut ist das Gegenteil von Lebensverachtung durch Vertröstung. Der Glaube sieht im Leben das wahre Leben und kann in dieser Weltsicht an die Lebenshaltung von Konfirmanden/innen anknüpfen. Gegen die Logik der Welt will sich der Glaube nicht mit faulen Kompromissen zufrieden geben, was Liebe, Frieden, Gerechtigkeit, Leben, Gemeinschaft betrifft. Die Logik dieser (etablierten, erwachsenen, kommerzialisierten) Welt ist Irrsinn.
Diese Auflehnung gegen die faulen Kompromisse ist in den Konfirmanden/innen in der Regel brennender und offensichtlicher als in der Kerngemeinde. Dieses wache Empfinden für die faulen Kompromisse können die älteren Generationen der Gemeinde von den Konfis neu lernen. Gerade am Konfirmationsgottesdienst bietet sich ein Hinweis darauf an, so dass umgekehrt auch den Konfis klar wird, dass sie etwas Wertvolles beizutragen haben zur Glaubens- und Weltsicht der Kirche. Denn eigentlich sind die Konfis von vorne herein näher dran an der Hoffnung auf Lebens-Erfüllung als jemand der sich sagen muss: „Mehr als mein halbes Leben ist jetzt ja schon vorbei…“.
Für Konfis ist es gut zu erfahren, dass sie in ihrer teilweise radikalen Welterfahrung nicht allein gelassen werden: Wer sich wirklich nach Frieden, nach Gerechtigkeit, nach Gemeinschaft sehnt, der muss die Logik dieser Welt ablehnen, die Wirtschaftslogik hinterfragen, die Sachzwänge überspringen. Leben ist im ganzen, heilen und besten Sinn nur gegen die Logik der Welt möglich. Nur darin liegt der Dualismus zwischen Leben und Ewigem Leben, nicht im zeitlichen Nacheinander oder im Gegeneinander-Ausspielen. Darum braucht es einen (kindlich/jugendlich-) prophetisch-visionären Blick, der hinter der Wirklichkeit Wahrheit sucht und erkennt. Der trotz Irrsinn Sinn sieht. Der Glaube ist so ein Blick. Die Welt versteht nicht alles. Leben ist nicht gleich Leben. Aber an keiner Stelle im Johannesevangelium beginnt das ewige Leben/die Fülle des Lebens erst in der Zukunft einer himmlischen Exklusivität. Mit den Konfirmanden/innen muss sich die ganze Konfirmationsgemeinde darum fragen lassen: Wer spricht mit Konfis die Sprache einer Sachzwänge überwindenden Hoffnung auf eine erfüllendes Leben in einer guten Welt? Wie und wo erleben Jugendliche die immaterielle Fülle des Lebens? Was oder wer engt diese Fülle ein? Was wird als Vertröstung erfahren? Wie verbinden sich Vision und Wirklichkeit in meinem Leben? Wer, außer mir, glaubt noch an eine gute Welt?

Theologisch gesprochen:
Wir begeben uns mit der Jahreslosung auf die Suche nach einem Dahinter und entdecken im Johannesevangelium: „Das Ewige Leben ist das eschatologische Heilsgut und der Inbegriff dessen, was man vom Reich Gottes erwartet“ (R. Schnackenburg). Das gegenwärtige Leben, das wir haben, ist zur (Heils-)Zukunft hin offen. Das Ewige Leben beginnt nicht erst in der Zukunft. Der Vers Johannes 14,19b der Jahreslosung ist eine doppelte paradoxe Aussage: Derjenige, der bald sterben muss und aus nachösterlicher Sicht des Verfassers des Johannesevangeliums schon gestorben ist, behauptet von sich im Präsens das Leben. Und denjenigen, die in der Verfasserperspektive noch leben, wird für die Zukunft versprochen, dass sie erst leben werden. Der gestorbene Christus lebt und die lebenden Jünger werden erst noch das Leben erhalten. Durch dieses doppelte Paradox wird deutlich: Es ist nicht die Rede von dem offensichtlichen Leben, sondern von einem Leben, das über das Selbstverständliche hinausgeht. Es scheint einen Gegensatz zu geben zwischen dem „Leben in dieser Welt“ und dem wahren Leben, aber nicht in einer zeitlichen Aufeinanderfolge, sondern in einer grundsätzlichen, qualitativen Gegenüberstellung im Jetzt.

Ralph Lang, Pfarrer z. A. im Landesjugendpfarramt

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