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Arbeitshilfe für eine Konfirmationspredigt zur Jahreslosung 2009

Von Ralph Lang

„Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.”  (Lk 18,27)

1. Impulse

Die folgenden Impulse werfen Schlaglichter auf die Jahreslosung 2009. Klar und knapp wollen sie dabei die Jahreslosung und ihren Kontext aus verschiedenen Richtungen erhellen. Sie entfalten dabei ihre thematischen Nuancen nicht vollständig, sondern schlagen Perspektiven vor, denen eine Konfirmationspredigt folgen kann. Alle Perspektiven der folgenden Impulse sind aus Einsichten der ausführlichen Exegese im zweiten Teil gewonnen.

Das Verhältnis zur JL 08

Während im Zentrum der Jahreslosung 2008 die Zusage des (Ewigen) Lebens steht, antwortet die Jahreslosung 2009 zusammen mit ihrem Kontext (Lk 18,18-30) auf die Frage: „Was muss ich tun, damit ich das Ewige Leben ererbe?” Die Jahreslosung 2009 ist nicht die ganze Antwort, sondern Teil einer Antwort auf diese Frage.

Märchenhaft – oder: Wenn Du Jesus eine Frage stellen könntest…

Stell Dir vor, Du könntest Gott JEDE Frage dieser Welt stellen, dürftest aber nur EINE Frage stellen. Welche Frage würdest Du ihm stellen? Es ist nicht ganz abwegig, dass es diese Frage wäre: „Was muss ich tun, damit ich das Ewige Leben ererbe?” Diese Frage zielt ins Zentrum unserer Religion und ist klug formuliert. Der Frager lässt mit der Formulierung „das Ewige Leben ererben” erkennen, dass er sich nicht unbedarft dieser religiösen Sprache bedient. Die Formulierung impliziert, dass sich das Ewige Leben einerseits nicht „verdienen” lässt.  Andererseits greift die Frage (auch in der Formulierung „ererben”) die Unsicherheit auf, ob es sich nicht doch um ein exklusives, also nur für einen begrenzten Kreis der Kinder Gottes zugängliches Gut handle (das also andererseits auch nicht völlig frei verschenkt wird).

What would Jesus say? Diese populäre Frage aus dem amerikanischen Glaubenskontext, die vor allem auf Vereinfachung und Moralität abzielt, wird durch die tatsächliche Antwort Jesu in Lk 18, 18-30 ins Leere geführt. Die tatsächliche Antwort Jesu in dieser Perikope ist schockierend radikal und uneindeutig. Sie unterläuft das Märchen von der einfachen Antwort Jesu, die jedes Alltags-Dilemma eindeutig auflösen und so als simple Lebensgebrauchsanweisung dienen könne.

WWJS-Fazit: Solange wir noch nicht mit den Antworten „fertig” sind, die Jesus vermutlich tatsächlich gegeben hat, brauchen wir uns nicht damit aufhalten, zu spekulieren was Jesus auf erdachte Fragen antworten würde, die ohnehin banaler wären, als die in der JL 09 verhandelte.

Klare Frage klare Antwort?

„Lukas ist nicht in dem Sinne Theologe wie Paulus, der Verfasser des Hebräerbriefes, Matthäus oder Johannes. Er hat kein Konzept einer christlichen Lehre oder eines christlichen Verhaltens entwickelt. Er ist in erster Linie Erzähler. Er bringt die Dinge nicht auf den Begriff” (Hans Klein, Lukasevangelium. KEK, 52). Dementsprechend beantwortet das Lukasevangelium die sehr präzise Frage, was zu tun ist, das Ewige Leben zu ererben mithilfe von Erzählungen die verschiedene Hinweise geben (Lk 10,25-37 und 18,18-30). Beide Erzählungen sind ähnlich aufgebaut. Zunächst wird der Frager von Jesus auf die (spezifisch jüdische Art der) Gebotseinhaltung verwiesen. Auf Nachfrage wird beides Mal die Antwort erweitert. Eine eindeutig abschließende Antwort wird allerdings nicht gegeben. Die Richtung ist aber in beiden Perikopen dieselbe: Das Doppelgebot der Liebe und die zweite Hälfte des Dekalogs, wie auch die Zuwendung zu den Armen weisen auf das Gebiet der Sozialethik. Erst in der zweiten Runde der Nachfrage wird der übliche ethische Kanon überschritten, erweitert und in Lk 18 durch den Verweis auf das, was den Menschen unmöglich ist, hinterfragt. Das Lukasevangelium gibt also keine statische, dogmatische Antwort, die unter die Kategorien „richtig” und „falsch” einzuordnen wäre. Die lukanische Zusammenstellung nähert sich einer Beantwortung narrativ an, ohne den Hörern/innen etwas Fertiges zu präsentieren. Die Antwort „erledigt” also nicht die Frage nach dem Ewigen Leben. Die Antwort benennt eher einen Weg des Heils, der bei Lukas lebenskonkret „Nachfolge Jesu” heißt. Konfirmanden/innen sind vielleicht auch weniger auf der Suche nach fertigen Antworten, sondern nach Lebenskonzepten, insofern hat das antiquiert klingende Stichwort „Nachfolge” eine erfrischte Bedeutung. Allerdings wird auch diese „Nachfolge” in der Perikope nicht eindeutig geklärt, sondern in verschiedenen Nuancen erzählerisch beleuchtet. Die Perikope der Jahreslosung ’09 gibt keine absolute Antwort, wie diese Nachfolge zum Ewigen Leben zu sein hat, sondern beschreibt einen Aspekt (Sozialethik und Verzicht) davon. Bei einer näheren Untersuchung der Thematik „Nachfolge” im Lukasevangelium ist festzustellen, dass Verzicht eine wichtige Rolle spielt.

Lebensthema „Möglichkeit - Unmöglichkeit” bei Jugendlichen

„Havighurst u.a. gehen davon aus, dass es in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Entwicklungsaufgaben zu lösen gilt. Werden sie angemessen bewältigt, gelangt das Individuum zu einer befriedigenden Lebensführung und zu einer gewissen Balance. Im Jugendalter stellen sich die Aufgabe, eine eigene geschlechtliche Identität zu finden, das eigene körperliche Erscheinungsbild zu akzeptieren und den Körper effektiv zu nutzen, Beziehungen zum anderen Geschlecht aufzunehmen, im Verhältnis zu den Eltern emotionale Eigenständigkeit zu gewinnen, Gemeinschaft mit Gleichaltrigen aufzubauen und eine tragende Weltanschauung zu entwickeln (Oerter/Montada 328)”(Hartmut Rupp: Theologisieren mit Jugendlichen, Vortrag ptz 28.01.08; Hervorhebungen redaktionell).

Eine „angemessene” Bewältigung der oben für das Jugendalter beschriebenen Entwicklungsaufgaben kann als permanente Erfahrung der eigenen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten interpretiert werden. Alle hier genannten Lebensthemen haben stark mit Kontingenzerfahrungen zu tun: Partnerschaft (die Traumfrau/den Traummann vom Plakat oder aus dem Fernsehen gibt es im Alltag nicht), eigene geschlechtliche/körperliche Identität (Zufriedenheit mit und Akzeptieren des eigenen körperlichen Soseins), Verhältnis zu Eltern und Familie („die Eltern kann man sich nicht aussuchen, die Schwiegereltern schon…”), beglückende emotionale Grundstimmung (gegen die bestimmenden Faktoren dieser turbulenten Lebensphase der Selbstfindung, sozialen Neuorientierung und langfristig wirksamen Grundentscheidungen) und schließlich soziale Akzeptanz und Gruppenzugehörigkeit (die stark von den gesetzten Faktoren soziale Herkunft, Wohnort und finanzieller Grundausstattung des Elternhauses abhängen). All diese „Lebensaufgaben” ist gemeinsam, dass bei ihrer Bewältigung je ein großer Anteil an Unverfügbarkeit und Nichtmachbarkeit erfahren wird. Diese Kontingenzerfahrung im Jugendalter kann als in dieser Entwicklungsphase dominantes Lebensthema „Möglichkeit-Unmöglichkeit” begriffen werden.

Auch wenn von Jugendlichen ein Lebensgefühl des „mir steht die Welt offen” behauptet/suggeriert wird, haben Jugendliche in den oben aufgezählten Aufgabenfeldern vielfältige, wenn auch oft unbewusste, Unmöglichkeitserfahrungen. Sie sind darum m. E. erfahrungsorientiert auf das Grundthema „Möglichkeit/Unmöglichkeit” gut ansprechbar. Hier könnten ein Ansatz und ein konkreter Einstieg zur Jahreslosung für Jugendliche liegen.  Allerdings muss von hier aus der Schritt über das grundsätzliche Erörtern von menschlichen Unmöglichkeiten hinausgehen auf die schwierige Frage, auf die die Jahreslosung ’09 antwortet: „Was muss ich tun, damit ich das ewige Leben erhalte?”

-         Kritik der Leistungsreligion oder: „Was bei den Menschen unmöglich ist…

Früher als bei ihrer Elterngeneration prägt der Themenbereich Leistung und Versagen die Jugendlichen im Jahr 2009. Massenarbeitslosigkeit ist unterdessen zu einer gesellschaftlich hingenommenen Tatsache geworden, die als Perspektive oder als Lebenswirklichkeit dauerhaft den Teil der schlechter ausgebildeten Jugendlichen bedroht. Die Prekariats-Diskussionen der letzten Jahre und die zunehmende Angst der Mittelschicht vor sozialem Abstieg aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit schleichen sich in das Lebensgefühl Jugendlicher ein. Einerseits fußen die Heilsversprechen der Konsumgesellschaft für das Individuum auf dessen Teilnahme am Erwerbsleben, andererseits ist das Modell Erwerbsarbeit und das auf sie hin ausbildende Schulsystem in eine Krise geraten. Annähernde Chancengleichheit bezüglich Bildungszugängen gibt es nur innerhalb eines Milieus, zwischen den verschiedenen Milieus herrscht zunehmende Ungleichheit der Chancen (vgl. „Gerechte Teilhabe – Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität”. Eine Denkschrift des Rates der EKD zur Armut in Deutschland, Juli 2006). Das Versprechen, dass sich Leistung lohnt, trifft nicht für alle Jugendlichen gleich zu. In der gesellschaftlichen Verteilung des Vermögens verstärkt sich weiter die Diskrepanz zwischen Arm und Reich. Angst um den sozialen Status und vor der Möglichkeit nicht leisten zu können oder leisten zu dürfen, um dazugehören zu können, scheinen lebensatmosphärisch für immer mehr Jugendliche bestimmend zu sein. Die JL 09 greift dieses Themenfeld auf. Der Armuts-Reichtums-Kontext der JL verschärft zusätzlich die Brisanz der Möglichkeit einer Anknüpfung an diese Thematik.

Die Antwort der JL 09 (auf die Frage: „Was muss ich tun, damit ich das Ewige Leben ererbe?”) kann als Kritik an einer Leistungsreligion verstanden werden, die den Mensch vorwiegend als Handelnden versteht. Diese Kritik sollte sich nicht an den Eigenarten des Judentums aufhalten (primärer exegetischer Kontext der Perikope Lk 18,18-30) sondern als Selbstkritik den werkelnden, Ich-orientierten, entscheidungszentrierten Spielarten des Christentums vor Augen gehalten werden. Die Wahrnehmung unserer Zeit: Der grundsätzlich fähige Mensch (Nichts ist unmöglich – Toyota) steht im Kontrast zur grundsätzlichen Unmöglichkeit (Unfähigkeit?) des Menschen hinsichtlich der Frage nach dem Ewigen Leben. (Darüber hinaus kann hier natürlich auch die Unverfügbarkeit eines Großteils der Voraussetzung eines guten, gelingenden Lebens überhaupt thematisiert werden.

Wie kommt der Mensch nach der Rechtfertigungslehre vorwiegend in den Blick? Ist er vorwiegend ein sich entscheiden Müssender, ein in der Überbetonung eines vermeintlich aktiven Annehmen-Müssens  oder kommt der Mensch als Unfähiger, in seinen Unmöglichkeiten Verstrickter und seinem Wollen-aber-nicht-Können Verhedderter, als passiv Empfangender, als Beschenkter, als von der Liebe Gottes Durchschauter, als Armer (der in der entscheidenden Hinsicht nichts zu vergeben hat) in den Blick?

Interessant ist an der Geschichte vom Reichen Jüngling in dieser Hinsicht folgendes: Gerade der Reiche, der politisch mächtige „Archon” (Vorsteher), der allgemeinhin und archetypisch für einen Menschen gehalten wird, dem die Welt und alles Menschenmögliche offen steht, wird als an der eigenen Unfähigkeit und Unfreiheit Scheiternder vorgeführt. Lukas betont diese Diskrepanz dadurch zusätzlich, dass er aus dem „Menschen/Jüngling(?)” der markinischen Vorlage einen „Archon” macht, also einen politisch auf höchster Ebene Einflussreichen.

Interessant ist außerdem: Das Scheitern vollzieht sich nicht an Äußeren Unmöglichkeiten (an die in der Regel wohl als erste gedacht wird, wenn vom Scheitern/Unmöglichkeit die Rede ist), sondern im innerlichen, quasi psychologischen, seelischen Raum (die Unfähigkeit sich innerlich von den Mächten des Mammon loszusprechen). Der von Gott angesprochene Teil des Menschen, die Seele, hat nicht im Leisten ihre Stärke, sondern im Empfangen, so als ob im menschlich Vergeblichen  und Verfehlen Gottes Möglichkeiten zum Zug kommen. Dieses Glaubenswissen darf aber in einer Gesellschaft der heroisierten Leistungsmenschen nur ein Nischendasein führen, denn es stellt den Werteprimat der individuellen Leistung radikal in Frage. Diese Infragestellung betrifft aber mehr noch als die säkulare Gesellschaftsordnung, die leistungsorientierten Spielarten des Christentums. Es geht schließlich um das Ewige Leben und somit um den theologischen Bereich der Rechtfertigung. Aber der Alltagsglaube an die säkulare Leistungsfähigkeit des Individuums diffundiert hinüber in den Bereich der Religion und bringt die Einsicht von der eigenen Beschränkung  hinsichtlich des Gottesreiches/Ewigen Lebens in Vergessenheit.  Weil im Äußeren „Leistung” dominiert, wird die innere Welt oder die transzendierende Welt unbewusst ebenfalls unter dem Paradigma „Leistung” geordnet. Dadurch wird ein ursprünglich freisprechender, befreiender Glaube zum Gefängnis aus einer immer latenten Versagensangst.

Dabei findet sich in der biblischen Tradition an vielen Stellen Kritik der Überschätzung der eigenen Leistung und der Vergesslichkeit bezüglich der Gebrechlichkeit allen menschlichen Tuns (gerade bezüglich der Erkenntnis der eigenen guten Taten herrscht allgemeine Blindheit, selbst bei den Gerechten: Mt 25,37-39). Der moderne heroische Leistungsmensch überschätzt sein (religiöses) Tun und verkennt sein eigenes Elend. Die Spannung zwischen erfahrener Wirklichkeit der Welt und geglaubter Wirklichkeit Gottes wird nicht ausgehalten. Der moderne Leistungsträger hält es nicht aus, ein Bettler zu sein, der sich selbst nicht helfen kann. Grundsätzliche Anfechtung kennt er nicht, Erlösung braucht er nicht. Fit machen genügt.

Diese theologische Kritik der modernen Populäranthropologie kann m. E. von Jugendlichen nachvollzogen werden, wenn sie auf die oben erwähnten Zusammenhänge von Leistung und Versagensangst angesprochen werden. Die Feststellung, dass nicht alles machbar ist und dass infolgedessen auch nicht alles selbst geleistet werden muss, dass Scheitern nicht mit Versagen gleich zu setzten ist, kann in diesem oben beschriebenen Kontext entlastend und befreiend wirken und aus dem Gefängnis des Leistungsglaubens und der sklavischen Versagensangst herausführen.

In diesem Zusammenhang ist auch die vorausgehende Perikope von der Kindersegnung Lk 18,15-17 bedeutsam: Die Frage nach dem Hineinkommen in das Reich Gottes wird auch hier mit einem schwer verständlichen Vergleichsspruch beantwortet (Lk 18,17). Implizit liegt auch im Hinweis auf das Werden-wie-die-Kinder eine Ablehnung eigener Verdienste/Leistung hinsichtlich des Eintritts in das Reich Gottes.

Nachfolge und Besitz

In Lk 18,18-30 werden Nachfolge und Besitzverzicht engstens miteinander verbunden. Sie sind das entscheidende Kriterium für das Erben des Ewigen Lebens. Nachfolge und Besitzverzicht gehören besonders im lukanischen Doppelwerk aber auch in der gesamten synoptischen Tradition zusammen; vgl. Lk 5,11; 5,28; 12,33f; 14,25-33; Apg 4,36. „Der Grundtenor ist: Jesus hat mit irdischen Gütern grundsätzlich nichts zu tun” (Hans Klein, Lukasevangelium, 459). Sorge um Besitz macht keinen Sinn, weil Besitz eine Lebenssicherheit vortäuscht, sie aber endgültig nicht geben kann. Außerdem wird der Besitzende durch die Verstand und Seele okkupierende Sorgenmacht des Besitzes zum Besessenen. Einer, der von seinem Besitz so bemächtigt ist, ist unfrei für die Nachfolge. Hängt das Herz am Besitz, so wird der Besitz zum Götzen, der in Konkurrenz zum einen Gott tritt, der gerade von solcher Angst und Sorge befreien will (Lk 12,22-34). Vgl. Unmöglichkeit des Doppeldienstes nach Lk 16,13. Der Reichtum ist so eine unheimliche Gewalt, die Macht über den Vermögenden ausübt und die ganze Person so sehr in Besitz nimmt, dass der so Besessene jedes Vermögen jenseits seines Vermögens verliert. Dadurch wird der Reichtum ein Hinderniss für den Eintritt in das Reich Gottes. Das Lukasevangelium stellt im Zusammenhang der Nachfolge die Leser somit nicht vor die Alternative rein oder unrein, gut oder böse, sondern Gott oder Mammon.

„Die Predigt der Propheten wie auch die soziale Gesetzgebung der Tora haben starke eigentumskritische Impulse gesetzt. Das Judentum ordnete [und ordnet?] das Recht auf Eigentum grundsätzlich der Fürsorgepflicht für die sozial Schwachen unter. Während die Gemeinde von Qumran von ihren Mitgliedern den Verzicht auf persönliches Eigentum als Voraussetzung für die Aufnahme in ihre Gemeinschaft forderte, standen die Rabbinen Reichtum und Besitz grundsätzlich positiv gegenüber. Reichtum gereicht – in rechter Weise gebraucht – zum Schmuck und Segen.” (Rainer Dillmann: Das Lukas-Evangelium, 317)

-         Ein Paradox – die doppelte Antwort der JL 09

Zusammen mit Lk 18,25 (Kamel und Nadelöhr) bildet die Jahreslosung eine doppelte Antwort auf die Frage nach dem Ewigen Leben. Soll die Antwort so verstanden werden: Wer sich in die radikale Nachfolge begibt, kann auf den Schatz im Himmel rechnen, alle anderen dürfen auf die Gnade Gottes hoffen? Oder ist der drastische Kamel-Nadelöhr-Vergleich und der Nachtrag der Möglichkeiten Gottes eine Illustration der jeder menschlichen Möglichkeit grundsätzlich vorausgehenden Gnade Gottes? Oder eher so: Wer sich um das Gottesreich bemüht, kann dies nicht ohne Beachtung der Gebote Gottes; gleichzeitig kann dadurch aber nicht ein Anspruch auf das Ewige Leben erworben werden. Denn es gibt noch andere Hinderungsgründe (z.B. Herzensbindung an den Besitz), die einer Freiheit zum Reich Gottes im Weg stehen, von denen sich der Mensch nicht selbst befreien kann.

Die Zentralfrage nach dem Ewigen Leben erhält keine eindeutige, sondern eine paradoxe Antwort: Einerseits bleibt Jesus der Tradition Israels treu und fordert den Gehorsam dem göttlichen Gesetz gegenüber (in der Zuspitzung auf die sozialen Gebote und einer Ethik des Verzichts). Andererseits wird in Sachen des Heils/Ewigen Lebens von ihm klar gestellt, dass dies die Fähigkeiten der Menschen grundsätzlich übersteigt. In der ersten Hälfte (Erinnerung der Gehorsamsforderungen) liegt in dieser Perikope eine Betonung der Ethik, während mit der zweiten Antwort (Überforderung der menschlichen Fähigkeiten ihr eigenes Heil zu erlangen) die menschliche Unmöglichkeit (Unverfügbarkeit)/Passivität gegenüber der göttlichen Gnade betont wird. Das Paradoxon wird nicht aufgelöst.

-         kein religiöser Kitsch: Auf die Einsicht der menschlichen Unmöglichkeit folgt Traurigkeit

„Als er [der Reiche]  aber das hörte, wurde er traurig, denn er war sehr reich” (Lk 18,25). Der menschlichen Unmöglichkeit folgt nicht unmittelbar und als kitschige Verkürzung der Wirklichkeit die göttliche Allmöglichkeit, sondern schlichte Traurigkeit. Das zu begreifen, was dem Menschen unmöglich ist, stellt keine lapidare Banalität dar. Dass die JL 09 Gottes Möglichkeit als Relativsatz anschließt, relativiert in der Perikope nicht die Traurigkeit über die menschliche Unmöglichkeit. Beispielhaft halte ich dafür die Tatsache, dass der Mensch sich nicht selbst entschuldigen kann, also seine Vergangenheit in Person, Tat und Wort nicht mehr wieder gut machen kann. Es gibt kein Zurückspulen der Zeitspur, keinen Reload eines gespeicherten Spielstands der Wirklichkeit zu einem besseren Ausgang (wie in einem Computerspiel). Im besten Fall kann einem Menschen verziehen werden, er oder sie kann entschuldigt werden, von denjenigen und durch diejenigen, die die Folgen dieser Schuld getroffen haben. Aber auch dieser zwischenmenschliche Vorgang kann die Folgen der Tat nicht rückgängig machen. Er kann dazu beitragen die dämonische Schattenmacht zu schwächen, die das Lebensgeflecht der Betroffenen seit und durch die böse Tat beherrschen. Aber auch diese verdunkelnde Bemächtigung kann z.B. durch einen Täter-Opfer-Ausgleich nicht aus der Welt geschafft werden, sie bleibt menschlicher Möglichkeit entzogen.

Im Gespräch mit dem „Reichen Jüngling” zeigt sich diese Traurigkeit über die menschliche Unmöglichkeit aber an einer grundsätzlicheren Stelle. Dort hat sie nicht mit den bösen Folgen einer Tat zu tun, sondern mit der wesentlichen Unmöglichkeit des Menschen sich von jeglicher Bemächtigung a priori (die schon jedem Gedanken und jeder Tat vorausgeht) frei zu machen. Im konkreten Fall ist das die Bemächtigung durch Besitz/Besitzenwollen (Mammon; vgl. Gal 4,3ff). Gemäß der neutestamentlichen Anthropologie steht es außer Zweifel, dass der Mensch fremdbeherrscht wird. Die Frage ist nur, welcher Art diese Macht ist (durch Gott oder andere Mächte, s. Röm 7,19; Kol 2,20).

-         Armut und Reichtum und Ewiges Leben

„Die Armut ist kein Selbstzweck oder Ideal für selbstlose Nachfolger und Nachfolgerinnen [...] oder von der Welt des Superkonsums überdrüssige religiöse Wahrheitssucher, sondern ein Zustand, des es zu überwinden gilt. Sie ist eine Schande für eine Menschheit und für eine Welt, in der es eigentlich genug für alle gibt. In dieser in Arm und Reich aufgesplitterten Welt bedeutet nachfolge konkret für die Reichen, die Bedürfnisse der Notleidenden zu stillen, indem sie auf ihr Vermögen verzichten und ihr Hab und Gut mit den Darbenden auf vernünftige Weise teilen. Damit ist die Beantwortung der Zentralfrage Was muss ich tun? Auf der sozioökonomischen Ebene angesiedelt.” „Auf ideologischer Ebene enthält Lk 18,22 eine überaus wichtige Umkehrung. Für gewisse Kreise waren Reichtum und Wohlstand eindeutige Segenserweise und Zeichen von Gottes Wohlgefallen, Armut hingegen eine Strafe. Jesus kehrt und diese den Zustand der Reichen rechtfertigende Ideologie um, indem er klar macht, dass der wirkliche Segenen, dargestellt im Bild des Schatzes in den Himmeln, darin besteht, auf Vermögen zu verzichten, den Reichtum den Notleidenden und damit der Gemeinschaft zur Verfügung zu stellen und ihm – Jesus – nachzufolgen.” (René Krüger: Wie können Reiche ins Reich Gottes kommen? Fragen an Reiche Kirchen in einem reichen Land. Vortrag auf der Konferenz Ökumenischen Prozess für eine Wirtschaft im Dienst des Lebens, 23.-25.04.2004 in Frankfurt a. M.)

Assoziatives zum Begriffspaar „Möglichkeit – Unmöglichkeit”

-         Die Möglichkeit ist ein Hinweis auf Alternativen:

Möglichkeit ist im Konstrukt “Eine Möglichkeit (unter mehreren) ist…” ein Hinweis, dass es zu der dargestellten Variante eine Alternative gibt. Die Möglichkeit ist die Idee oder Vorstellung, deren Realisierbarkeit erkannt wurde. In diesem Umfeld ist auch die Chance anzusiedeln, bei der das Eintreten einer Möglichkeit intentional gefördert wird. Die Möglichkeit liegt in der Gegenwart und eröffnet ein variables Feld für verschiedene mögliche Handlungen in der Zukunft, wie z.B. beim Schachspiel sich mit jedem Zug hunderte neue Möglichkeiten an zukünftigen Zügen auftun. Ihr Ergebnis ist unbestimmt. Die Möglichkeit ist nichts Zwingendes und Unausweichliches wie etwa das Schicksal. Sie verlangt nach einer Entscheidung.

-         Möglichkeit als eine schöpferische Kategorie:

Unter Potenz (lat. potentia, gr. δυναμις, dynamis) versteht man in der Philosophie, besonders bei bzw. seit Aristoteles sowie der Scholastik die noch nicht realisierte Möglichkeit, im Gegensatz zum so genannten Akt, der bereits realisierten Wirklichkeit.

Die passive Potenz bedeutet die Empfangsmöglichkeit einem Akt gegenüber. Diese Potenz hat zum Beispiel ein Stück Lehm, das zu einer Vase geformt werden kann. Die aktive Potenz bedeutet das Vermögen, einen Akt hervorzubringen. Diese Potenz hat zum Beispiel ein Künstler, der aus einem Stück Lehm eine Vase oder einen Krug formen kann.

-         Die Möglichkeit ist ein Synonym für Fähigkeit oder Eigenschaft:

“Jemand (oder etwas) hat die Möglichkeit” ist eine andere Formulierung für Fähigkeiten oder Eigenschaften. “Die Grenze des Möglichen” ist synonym mit “die Grenze des Machbaren (Erfahrbaren, Vorstellbaren)”

Diese Verwendung des Möglichkeitsbegriffes entspricht einer nicht-modalen, d.h. einer prädikativen Verwendung. Man drückt somit mittels des Möglichkeitsbegriffes ein Vermögen bzw. eine Fähigkeit eines Dinges aus. Bsp.: Holz ist brennbar. –> (Die) Möglichkeit zu brennen wohnt dem Holz inne bzw. ist diesem eigen.

Die Möglichkeit unterliegt dabei bestimmten Bedingungen oder Voraussetzungen, so etwa bei Kant: „Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis?” (siehe Kritik der reinen Vernunft).

-         Die Unmöglichkeit der Unmöglichkeit – das Allmächtigkeitsparadoxon

“Kann ein allmächtiges Wesen einen so schweren Stein erschaffen, dass es ihn selbst nicht hochheben kann?”

Das Allmächtigkeitsparadoxon ist ein philosophisches Paradoxon, welches bei der Anwendung von Logik auf ein allmächtiges Wesen auftritt. Das Paradoxon beruht auf der Frage, ob ein allmächtiges Wesen in der Lage ist etwas zu tun, was seine eigene Allmacht einschränkt, wodurch es seine Allmacht verlieren würde. Manche Philosophen betrachten diese Argumentation als Beweis für die Unmöglichkeit der Existenz eines solchen Wesens; andere behaupten, dass dieses Paradoxon einem falschen Verständnis von Allmacht entspringt. Zudem erscheint einigen Philosophen die Annahme, ein Wesen sei entweder allmächtig oder nicht allmächtig, als unzulässig, da dabei die Möglichkeit verschiedener Abstufungen außen vor gelassen wird.

Der Philosoph Averroës erweiterte das Allmächtigkeitsparadoxon und fragte, ob Gott auf Grundlage der euklidischen Geometrie ein Dreieck schaffen könne, dessen Innenwinkel nicht insgesamt 180 Grad ergeben. Hier ist die tatsächliche Frage, ob ein allmächtiges Wesen die Fähigkeit hat, die Folgen, die das von ihm geschaffene System von Axiomen mit sich bringt, zu umgehen.

Einige Philosophen wie Descartes sind der Meinung, Allmacht schließe die Fähigkeit ein, logisch Unmögliches zu vollbringen. So ist es zum Beispiel in unserem Universum nicht möglich, einen kantenlosen Würfel zu schaffen, oder in unserem üblicherweise genutzten Zahlensystem 1 gleich 2 sein zu lassen. Würde ein allmächtiges Wesen einen kantenlosen Würfel schaffen, so würde dies beweisen, dass ein solches Wesen nicht an die Gesetze der Logik gebunden ist. Außerdem wäre damit die Existenz eines solchen Wesens bewiesen.

Andere Philosophen, wie Thomas von Aquin, behaupten, dass ein Wesen nichts logisch Unmögliches vollbringen können muss, um allmächtig zu sein. In diesem Fall könnte ein Wesen alles logisch Denkbare tun. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Denkweisen ist bei der Betrachtung der Allmächtigkeitsparadoxa wichtig, da es eine Beschränkung der Bedeutung von Allmacht bedeutet.

-         Die unmögliche Möglichkeit (die Antwort der Dialektischen Theologie):

Karl Barth nennt das Reden des Menschen von Gott die „unmögliche Möglichkeit”, weil der Mensch von sich aus nichts von Gott wissen kann. Die Rede von Gott wird erst vermittelt durch den Heiligen Geist als Offenbarung Gottes in Christus, möglich (Abgrenzung gegen die Natürliche Theologie und eine dort behauptete schöpfungstheologische Seinsanalogie). Auf die Frage: „Was muss ich tun, damit ich das Ewige Leben erbe?”, gilt es dementsprechend genauso von einer unmöglichen Möglichkeit zu reden.

2. Exegese Lukas 18,18-30

Frage: „Was muss ich tun, um ewiges Leben zu ererben?” (V. 18)

1. Antwort: „Du kennst die Gebote: Du sollst nicht ehebrechen, nicht töten, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis ablegen, ehre deinen Vater und deine Mutter!” (V. 20)

1. Entgegnung: „Dies alles habe ich von Jugend an gehalten.” (V. 21)

2. Antwort: „Eins fehlt dir noch: Verkaufe alles, was du besitzt und verteile den Erlös an die Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge  mir nach.” (V. 22)

2. Entgegnung: „Als jener das hörte, wurde er traurig, denn er war sehr reich.” (V. 23)

Fazit: „Wie schwer ist es doch für die Begüterten, in das Reich Gottes einzugehen! Ja, es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingeht.” (VV. 24.25)

wiederholte Frage: „Ja, wer kann dann gerettet werden?” (V. 26)

3. Antwort: „Was bei den Menschen unmöglich ist,

das ist bei Gott möglich.”  (Lk 18,27)

Zusammenhang

Die Jahreslosung 2008 steht im Zusammenhang der Frage eines Reichen nach dem Ewigen Leben Lk 18,18-30. Der Abschnitt ist verfasst im Stil eines Lehrgesprächs, das in ein (oder mehrere) Apophtegma mündet(eine durch ein kurzes Merkwort geprägte Erzählung oder das Merkwort selbst). Dieses greift die Frage nach dem Ewigen Leben aus Lk 10,25 wieder auf. Durch die Thematik Reichtum/Almosen und Nachfolge ist auch die nachfolgende Erzählung von Zachäus Lk 19,1-10 eng mit dem Abschnitt der Jahreslosung verbunden.

Gliederung

Die Erzählung vom Reichen ist als Dialog gestaltet. Genauer betrachtet handelt es sich um drei Dialoge: 1.) VV. 18-25 mit dem Reichen; 2.) VV. 26-27 mit den Umstehenden; 3.) VV. 28-30 mit Petrus/den Jüngern. Die Perikope kann als symmetrischer Aufbau dargestellt werden:

A     18: Was muss ich tun, um das Ewige Leben zu erben?

B                     19-20: Bedingung: Befolgung der Gebote

C                                     21: Erfüllung der Bedingung

D                                                    22: Weitere Bedingung: Besitzverzicht + Nachfolge

E                                                                    23: Traurigkeit

F                                                                                    24: Extreme Schwierigkeit für die Reichen

F´                                                                                   25: Orientalisches Sprichwort: Kamel & Nadelöhr

E´                                                                   26: Sorge wegen extremer Bedingung

D´                                                   27: Gott macht es möglich: Besitzverzicht & Nachfolge

C´                                   28: Erfüllung der extremen Bedingung durch die Jünger

B´                    29: Bedingung für die Belohnung: totale Loslösung

A´    30: Belohnung in Zeit und Ewigkeit

Erklärungen zu einzelnen Versen

V. 18: Anders als in der markinischen Vorlage wird der Reiche bei Lukas nicht als irgendein Mensch, sondern als einflussreicher Archon (Oberster) beschrieben. Es handelt sich also um einen Vertreter der einflussreichen Behördenschicht oder der jüdischen Gemeinde. Die populäre Benennung dieser Perikope (und par.) als „Reicher Jüngling” stammt aus der Matthäus-Parallele (Mt 19,20.22). Die Frage könnte Teil der in formelhafte Sprache geprägten Tempelliturgie gewesen sein (Walter Zimmerli: Die Frage des Reichen nach dem weigen Leben”, in: EvTh 19 (1952) 90-97). „Ewiges Leben” steht hier ohne Artikel evtl. um einer Ausmalung des Unvorstellbaren zu vermeiden.

V. 19-20: Die erste Antwort Jesu verweist auf die Einhaltung des Dekalogs. Die pharisäische Frömmigkeit sah diesen Weg der Gesetzeserfüllung (verbunden mit Einsicht, Umkehr und Wiedergutmachung bei manifesten Verfehlungen) als angemessene Antwort des Frommen auf Gottes altl. Verheißungen.

„Im frühen Judentum wird das Verhältnis von Tora und Leben bestimmt von dem Platz, den die Tora im Verhältnis des Menschen zu Gott einnimmt. Die Texte über die Offenbarung des Dekalogs als Bundesurkunde des Volkes Israel (v.a. Ex 20; Dtn 5) zeigen, dass der Dekalog nicht als Bedingung oder Voraussetzung des Bundes verstanden werden darf. Er konstituiert vielmehr jenen Zustand, in dem Israel Leben von Gott empfängt. Das Gesetz ist somit nicht Bedingung des Bundes, sondern sein heilvoller Inhalt. Der Dekalog ist deshalb nicht eine Aneinanderreihung von Einzelgeboten, sonder er definier den Zustand, der für Israel Leben bedeutet. So wird im Gebot das neue Sein Israels umschrieben. Die Tora enthält nicht einfach menschliches Ethos oder Sittlichkeit, vielmehr bringt die Tora zum Ausdruck, worin Leben mit Gott besteht. Die Tora ist Ausdruck des Willens Gottes und Quelle des Lebens für den, der nach ihren Weisungen handelt. Gott und Leben gehören zusammen; der Gott Israels ist ein Gott der Lebenden, nicht der Toten. Wer nach dem Weg zum Leben fragt, der wird auf Gott und dessen Weisungen verwiesen” (Rainer Dillmann, Das Lukas-Evangelium, 316).

V. 20: Bei der Nennung der Gebote des Dekalogs fällt die hellenistisch-jüdischer Dekaloginterpretation entsprechende Hervorhebung der ‚sozialen Reihe’ auf. (vgl. K. Berger, die Gesetzesauslegung Jesu, WMANT 40, Neukirchen 1972, 403)

V. 22: Lukas bindet in der von ihm gestalteten Fassung nicht nur die Nachfolge an den Besitzverzicht, sondern verschärft die Forderung durch Hinzufügen von „alles”. Sie geht in ihrem grundsätzlichen Charakter über die jüdische Empfehlung des Almosens hinaus und unterscheidet sich auch von der in Qumran geübten Besitzübertragung auf die Gemeinde. Außerdem verändert Lukas das Verb didomi (Mk: „geben”) in diadidomi „verteilen”, und rückt dieses Tun in dieselbe Kategorie wie die Organisation der Gütergemeinschaft in Apg 4,34 dort ebenfalls „diadidomi” (vgl. auch eine ähnliche Verwendung in Apg 2,45). Daraus lässt sich ableiten, dass der Verkauf aller Güter und somit der Verzicht auf Reichtum nicht ein frommer Selbstzweck im Sinn der Askese oder der Geringschätzung der materiellen Dinge ist, sondern die Regelung der materiellen Nöte und Probleme der Armen im Blick hat.

V. 23: Anders als bei Markus wird nicht vom Weggehen des Reichen berichtet. Das jetzt anschließende Gespräch (VV. 24-27) mit dem harten Wort vom Kamel und dem Nadelöhr möchte Lukas wahrscheinlich in Anwesenheit des Reichen geführt wissen. Außerdem ändert Lk die markinische Vorlage („denn er hatte viele Güter”) in „denn er war sehr reich”. Hier scheint etwas entscheidendes in nuce ausgedrückt: Der Charakter des Mammon ist auf seinen Besitzer übergegangen.

V. 24: Anders als im Markustext wird hier nicht vom Weggehen des Reichen berichtet. Damit kann angenommen werden, dass der Reiche immer noch dasteht, als Jesus das Gespräch mit den Jüngern führt. Die Situation und die Frage des Reichen bleiben dadurch bei Lukas eher in der Schwebe. Anders als bei Mk bei dem das Anliegen des Reichen mit seinem Weggang als erledigt scheint.

V. 25: Eine alternative Lesart im Sinn einer Abschwächung (Schiffstau und Nadelöhr) wurde von verschiedenen Exegeten vorgeschlagen, ist aber nicht überzeugend. Das Kamel bezeichnet das größte einheimische Lebewesen und das Nadelöhr die kleinste bekannte Öffnung. Der Merkspruch will die radikale Unvereinbarkeit von Reichtum und Eingang ins Ewige Leben ausdrücken. Wirkungsgeschichte des Besitzverzichts (Lk 12,33): Vgl. dazu auch die Lebensläufe von Franz von Assisi und Petrus Waldus

V. 27: vgl. Gen 18,14; Hiob 42,2; Sach 8,6; Mk 9,23 und Lk 1,37. Näher ausgeführt in Röm 1,16-3,31. Es ist eine Steigerung zu bemerken: Während V. 24 die Sache als „schwer”/schwierig benennt, ist sie in V. 25 fast unmöglich (nicht vollkommen unmöglich, denn es ist „leichter…”) und schließlich in V. 28 ganz unmöglich. Diese Zunahme der Schwierigkeit gipfelt in der Ankündigung von Gottes Intervention, deren Tiefe und Radikalität nach dem Vorausgehenden erst begreifbar wird. Kapitel 19 zeigt Lukas wie Gott die Reichen rettet, nämlich indem er sie von ihrem Reichtum „befreit”.

V 28: Nicht nur der Verzicht auf materiellen Besitz ist für die Nachfolge entscheidend, sondern auch auf familiäre Bindungen (s. Aufzählung).

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