Vorbemerkungen
„Behinderte Kinder und Jugendliche werden oft in Tagesschulen an anderen Orten unterrichtet oder leben in diakonischen Einrichtungen. Umso bedeutsamer ist es für sie, dass ihre Kirchengemeinde sie wahrnimmt und sie einlädt, am Gemeindeleben teilzunehmen. Eine Behinderung ist kein Grund dafür, Menschen von Taufe, Abendmahl oder Konfirmation auszuschließen. Gottes Liebe und Zuwendung sind weder an individuelle Fähigkeiten noch an physische Voraussetzungen gebunden.”
Rahmenordnung für die Konfirmandenarbeit der Ev. Landeskirche in Württemberg 2000, 12
Konfirmandenunterricht an der Sonderschule
Fünf Konfirmanden und eine Konfirmandin aus der Körperbehindertenschule (KBS) Mössingen wurden am 24. Juni 2001 in der Martin-Luther-Kirche Mössingen eingesegnet. Zusammen mit drei weiteren Schülern besuchten sie den Konfirmandenunterricht an der Sonderschule. Da die Konfirmandengruppe sehr heterogen zusammen gesetzt war, wurden nach einem gemeinsamen Anfang für die TeilnehmerInnen mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten und für solche mit einer schweren mehrfachen Behinderung differenzierte Angebote gemacht.
Kirchengemeinde am Schulort
Im Februar stellten sich die Konfirmanden mit einem Gottesdienst zum Thema „Mattscheibe oder Klarsicht?” der Mössinger Kirchengemeinde vor. Da sie im Umkreis von bis zu 40 km Entfernung wohnen, gehört niemand von ihnen zur Ev. Martin-Luther-Kirchengemeinde. Drei wohnen die Woche über im Internat der Schule. Die sechs in Mössingen Konfirmierten gehören zu den Jugendlichen der KBS, die nicht an der Konfirmandenarbeit ihrer Heimatgemeinde partizipierten.
Ein gemeinsamer Konfirmandenunterricht von Jugendlichen mit und ohne Behinderung ist noch immer die Ausnahme. Die Gründe dafür sind vielfältig und komplex. Häufig zeigt es sich, dass PfarrerInnen, Konfirmandengruppen und Heimatgemeinden sich nicht in der Lage sehen, Jugendliche mit einer Behinderung zu integrieren. Dies ist vermehrt bei Jugendlichen mit Beeinträchtigungen der Fall, die als schwer oder mehrfach bezeichnet werden.
Kirchengemeinde zu Hause
Zunehmend gelingt es aber, junge Leute mit solchen Handicaps in die örtliche Kirchengemeinde hineinzunehmen und das Zusammenleben durch sie zu bereichern. Nadine und Alexander besuchten z.B. nicht nur den Konfirmandenunterricht an der KBS, sondern zugleich in ihrer Heimatgemeinde und wurden dort konfirmiert, wo sie zu Hause sind. Für sie und ihre Konfirmandengruppe war dies eine gute, bleibende Erfahrung auf dem Weg zur Integration und Normalisierung ihrer Kirchenmitgliedschaft.
Integration – aber wie?
Umstritten ist nicht die Frage, ob Menschen mit einer Behinderung zu integrieren sind, sondern wie. Als Hilfestellung für eine integrative Konfirmandenarbeit legen wir die Dokumentation eines Konfirmationsgottesdienstes vor, der auch Jugendlichen mit einer schweren geistigen und körperlichen Behinderung gerecht werden will. Dabei wurde versucht, Gottes Wort spürbar und Glaubensinhalte mit allen Sinnen erfahrbar werden zu lassen.
Theologische Überlegungen
Umstritten ist dagegen der theologische Sinn der Konfirmation von Jugendlichen mit einer schweren geistigen Behinderung. Denn wo ein solches Handicap vorliegt, kann nicht mehr von der Bestätigung (Konfirmation) der Taufe durch ein mündiges Subjekt gesprochen werden.
Im hier dokumentierten Gottesdienst wurde darum ein Subjektwechsel vollzogen. Es sind die mündigen Gemeindeglieder, die Eltern und Paten, die den Konfirmanden/innen, die nicht für sich selbst sprechen können, bestätigen: „Deine Taufe ist ungebrochen gültig. Du bist von Gott geliebt und gehörst zu uns. Wir wollen dir unsere Herzen und Räume öffnen.” Die Bedeutsamkeit dieser feierlichen Selbstverpflichtung sollte vorab in der Kirchengemeinde und in Elterngesprächen thematisiert werden.
Zum Gebrauch der Dokumentation
Die Dokumentation dieses Konfirmationsgottesdienstes gibt in der linken Spalte den Wortlaut des Gottesdienstes wieder. Die rechte Spalte beinhaltet Kommentare und Ausführungen, die die besonderen Aktionen und non-verbalen Aspekte des Gottesdienstes verständlich machen sollen. Hier finden sich auch Hinweise zu den verwendeten Materialien.
Der Gottesdienst eignet sich nicht zur Kopie. Jede Konfirmandengruppe verlangt ihren ureigenen Entwurf, um dem Einzelnen und der Gesamtsituationen gerecht zu werden. Die Dokumentation möge jedoch als Impuls- und Ideensammlung die dazu erforderliche Kreativität und Flexibilität beflügeln.
Für Rückmeldungen und weitere Anregungen sind wir Ihnen dankbar.
Ute Schneider (07474/1799)
Dr. Wolfhard Schweiker (Tel. 07473/273877; wschweiker@aol.com)
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